Stetes Auf und Ab: Die Suche nach Fachkräften und Berufsnachwuchs in den letzten Jahrzehnten
Die Suche nach Fachkräften ist zu Beginn der 2020er-Jahre eines der prägenden Themen der deutschen Arbeitgeber. Auch SHK-Betriebe sind davor nicht gefeit, trotz außergewöhnlich guter Ausbildungsentwicklung. Doch das Problem ist nicht neu, wie der Blick in die Verbandschroniken zeigt. Und die Branche hat in der Vergangenheit mit Kampagnen immer wieder erfolgreich dagegen gesteuert.
Die Zahl der Erwerbstätigen in Deutschland ist in den vergangenen Jahrzehnten fast kontinuierlich gestiegen. Ende 2022 gab es rund 46 Millionen Erwerbstätige. Auch die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten lag 2022 mit 34,4 Millionen auf einem Rekordwert.
Gleichzeitig lähmt jedoch der Mangel an qualifizierten Arbeitskräften die deutsche Wirtschaft zunehmend. Besonders betroffen vom Fachkräfteproblem sind nach Analyse des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) Berufe in den Bereichen Sozialarbeit, Erziehung und Pflege. Zudem fehle viel Personal im Handwerk und bei IT-Experten. Doch das Problem geht weit über die als „Problemberufe“ diagnostizierten Branchen hinaus und hat verschiedene Gründe, die den Widerspruch zumindest teilweise erklären.
Die vermutlich wichtigste Ursache ist der demographische Wandel, das heißt, das Ausscheiden der geburtenstarken Jahrgänge aus dem Erwerbsleben. Ferner werden Gründe wie ein steigender Anteil von Erwerbstätigen in Teilzeitbeschäftigung, ein späterer Eintritt ins Erwerbsleben und die individuelle Neubewertung von Privat- und Arbeitsleben – Stichwort Work-Life-Balance – als Ursachen diagnostiziert.
Nathanael Liebergeld war als Weltmeister im Beruf Anlagenmechaniker SHK erster „Influencer“ zum Auftakt von „Zeit zu starten“.
Nachwuchswerbemotiv 2004 war der „Ich hab’s drauf!“-Skater
Auch das Handwerk und die vier vom Fachverband repräsentierten Gewerke können sich von dieser gesamtgesellschaftlichen Entwicklung nicht abkoppeln. Und doch ist die Situation vor allem im SHK-Handwerk anders zu bewerten. Hier konnten entgegen dem allgemeinen Trend aufgrund der Attraktivität des Berufs in den vergangenen Jahrzehnten die Ausbildungszahlen so gesteigert werden wie in kaum einem anderen Beruf.
Zugleich war die Fachkräfteentwicklung laut Statistischem Landesamt im vergangenen Jahrzehnt stets positiv, was bedeutet, dass das SHK-Handwerk die ausscheidenden Fachkräfte nicht nur ersetzen, sondern die Mitarbeiterzahl sogar steigern konnte: von rund 45.000 im Jahr 2012 auf deutlich über 50.000. Das entspricht rund 11 Prozent und damit so gar nicht dem gefühlten „Fachkräftemangel“.
Dennoch ist das Jammern über fehlende Fachkräfte nicht zu überhören. Das liegt hauptsächlich daran, dass die Branchenaufgaben im Zuge der Energiewende enorm wachsen.
Aktion 2011: „Volles Rohr Zukunft“
Fachkräftemangel gab es immer mal wieder
Dabei ist das Thema Fachkräftemangel nicht neu. Schaut man in die erste Verbandschronik, wird bereits im Jahr 1947 von einem „Problem des Fachkräftemangels“ berichtet. Kein Wunder, war das Land doch ausgebombt und Millionen von Häuser mussten wieder neu aufgebaut, mit Wasserleitungen, sanitären Anlagen und Heizungen ausgestattet werden.
Entsprechend groß war die Nachfrage, diese Aufgaben in möglichst kurzer Zeit anzugehen. Und die Branche hat geliefert und war wichtiger Bestandteil des Wiederaufbaus unseres Wirtschaftswunderlands.
Wer jedoch glaubt, das Problem mit den Fachkräften sei mit dem Wiederaufbau damals gelöst gewesen, wird sich wundern. Verfolgt man die Verbandschroniken der folgenden Jahre finden sich in Wellenbewegungen immer wieder Klagen über fehlende Fachkräfte, mal mehr und mal weniger ausgeprägt.
Der Verband, die Innungen und die Betriebe haben immer wieder aktiv auf den Mangel reagiert, sei es mit klassischen Instrumenten der Nachwuchsgewinnung, mit geänderten Arbeitszeiten oder auch mit der Anpassung der Ausbildungsvergütungen sowie der Löhne und Gehälter.
Am Geld allein, und das ist heute noch so, hat es dabei nicht gelegen. Im Jahr 2006 bescheinigte das Statistische Landesamt den Gas- und Wasserinstallateuren sowie den Zentralheizungs- und Lüftungsbauern die höchsten Löhne im Handwerk. Bis heute hat sich daran nicht viel geändert.
Noch immer liegt das SHK-Handwerk mit seinem Lohnniveau mit an der Spitze. Apropos Spitze: auch bei der Attraktivität und den Zukunftsaussichten steht das SHK-Handwerk ganz vorne und bietet attraktive, (zukunfts)sichere Arbeitsplätze.
Auch die Handwerkskampagne des ZDH bietet Rückenwind in Form individualisierbarer Motive für die Nachwuchsgewinnung
der Betriebe.
Workstory der Schwestern Franzi und Elena Dangel von der Dangel-Metall GmbH, einem Klempner-Innungsfachbetrieb aus Lenningen. Bild: Zeit zu starten/YouTube
Verbandsaufgabe: Hilfe bei der Nachwuchswerbung
Eigene Unterstützung des Fachverbands im Bereich der Nachwuchswerbung findet sich in der Chronik erstmalig 1970. Offensichtlich mit Erfolg, denn schon 1973 wird berichtet, die Zahl der Lehrlinge im ersten Ausbildungsjahr habe sich seit 1970 auf 1.531 verdoppelt.
Die erste Nachwuchswerbung im Rundfunk wurde 1981 gesendet. 1984 freute man sich über insgesamt 8.169 Lehrlinge in allen vier Ausbildungsjahren – ein Rekordstand! Doch bei diesen Höchstwerten blieb es leider nicht. Knapp zehn Jahre später, 1992, wurden landesweit nur noch 4.267 Lehrlinge ausgebildet. Den Tiefstwerten folgte wieder ein Wachstum. Neue Radiospots wurden geschaltet und weitere Kampagnen entwickelt.
Verschiedene Kampagnen am Puls der Zeit
Der Berufekompass war ein Medium, das den Jugendlichen Orientierung geben sollte. 2004 folgte in Baden-Württemberg die Kampagne „Ich hab‘s drauf“ mit einem Skater, der die Jugendlichen emotional ansprechen sollte. 2011 gelang es erstmals, eine gemeinsame bundesweite Ausbildungskampagne auf die Beine zu stellen, die im Comic-Look Aufmerksamkeit erregte. „Volles Rohr Zukunft“ prangte auf den neuen großflächigen Plakaten, Stellwänden und Rollups, die die Innungen und Betriebe auf Ausbildungsmessen mitnehmen konnten. Erstmals gab es auch eine eigene Internetseite www.vollesrohrzukunft.de.
Wer diese URL heute eingibt, wird auf die aktuelle Nachwuchskampagne „Zeit zu Starten“ weitergeleitet, die mit diesem Claim und dem entsprechenden Logo erstmals bei der IFH/Intherm 2016 präsentiert wurde. Neu war dabei sicherlich die Herangehensweise: Vorurteile sollten abgebaut werden durch Kommunikation auf Augenhöhe und authentische Einblicke in die Berufsbilder, vor allem durch Statements echter Azubis.
Gesicht und Aushängeschild der Kampagne war zunächst Nathanael Liebergeld, der 2015 bei den WorldSkills in Brasilien Weltmeister der Installateure geworden war. Neu war darüber hinaus die Nutzung sozialer Medien wie Instagram und Facebook, um die Jugendlichen anzusprechen, als auch der Weg, über digitales Advertising sichtbarer zu werden.
Bis es jedoch zu einer einheitlichen Bundeskampagne kam, waren einige dicke Bretter in der Verbandslandschaft zu bohren. Um die Schlagkraft der Branche bundesweit zu erhöhen, verzichteten die verschiedenen Landesverbände nämlich auf ihre zahlreichen eigenen und teils sehr erfolgreichen Kampagnen. Bei aller regionalen Individualität: die Ansprache von Jugendlichen in Kiel, Düsseldorf, Passau oder Freiburg unterscheidet sich nicht so sehr. Entsprechend machte es Sinn, Ressourcen und Knowhow zu bündeln.
Auch die Einbindung der Branche, von der Industrie bis zum Großhandel, wurde vorangetrieben. Denn es half nicht, auf das Handwerk als sogenannten „Flaschenhals“ zu zeigen, es baue nicht ausreichend Produkte ein, gleichzeitig aber auf dessen personelle Ressourcen für die eigenen Interessen zurückgreifen zu wollen. Dass es bei dieser Gemengelage nicht immer einfach war und noch ist, die Interessen zu bündeln und Maßnahmen abzustimmen, liegt in der Natur der Sache.
Heute hat sich die Kampagne „Zeit zu Starten“ unter dem Hashtag #Wirsindrelevant deutlich in Richtung Klimaschutzthematiken entwickelt, nicht zuletzt aufgrund des intensiven Einsatzes des Fachverbandes SHK Baden-Württemberg, der den Aspekt schon Anfang des Jahrzehnts in seine regionale Ausgestaltung aufgenommen hatte.
In den vergangenen Jahren ist die Zahl der Lehrlinge in den vier Gewerken wieder deutlich auf über 5.000 gestiegen. Seit 2012 ist das ein Anstieg von rund 1.100 Lehrlingen oder 28 Prozent. Die Kampagnen können dabei unterstützen, maßgeblich zu der Entwicklung beigetragen haben jedoch die Innungen und Betriebe, die unter nicht immer einfachen Bedingungen Ausbildungsplätze anbieten und Jugendliche erfolgreich ausbilden.
Unterstützung bietet der Fachverband dabei auch mit seiner Fachgemeinschaft TOP-Ausbilder, die für besonders engagierte Betriebe seit 2015 eine noch bessere Qualität der Ausbildung im Blick hat.
Die Graphik zeigt eindrucksvoll die Wellenbewegungen in den Ausbildungszahlen. In den Jahren vor 1978 sind nur Zahlen zum ersten Ausbildungsjahr dokumentiert. Hochrechnungen zufolge lag die Zahl Anfang der siebziger Jahre noch bei rund dreitausend, 1975 dann bereits deutlich über viertausend.
Nachhaltige Fachkräfteentwicklung
Für die Zukunft gilt es nun, den Finger weiter am Puls der Zeit zu haben und ein Ohr für die Belange und Interessen der Jugendlichen. Dem SHK-Handwerk werden sehr gute Zukunftsaussichten vorhergesagt und die moderne Gebäudetechnik mit dem Ein- und Ausbau erneuerbarer Energien, insbesondere klimaneutraler Heizungen, trifft den Nerv vieler.
Gleichzeitig muss sich aber in den Köpfen der Menschen auch die Wertigkeit des Handwerks festsetzen, die Gesellschaft sich ihrer wiedergefundenen Erfolgsbranche gewahr werden. „Ohne Handwerker keine Energiewende“ – das hat auch der Zentralverband des Deutschen Handwerks deutlich gemacht, der seit Jahren mit seiner aufmerksamkeitsstarken Kampagne „Das Handwerk – Die Wirtschaftsmacht von nebenan“ für mehr Sichtbarkeit sorgt.
Eben diese Verstetigung kann auch in Sachen Arbeitskräfte ein Erfolgsfaktor sein. Aus der Vergangenheit hat man gelernt, dass es sinnvoll ist, in Bezug auf Fachkräfte und Berufsnachwuchs langfristig zu denken. Also nachhaltig, auch im Sinne der Mitarbeiter. Statt großer Zuwächse und ebenso großer Rückgänge wäre eine Verstetigung der Wachstumszahlen die bessere Lösung – für die jungen Menschen, die Betriebe, die Schulen und für die Gesellschaft.
Beim Morgenmacher-Festival 2019 im Rahmen der Stuttgarter Herbstmessen engagierten sich vier baden-württembergische Innungen, um Jugendliche für die vier Ausbildungsberufe zu begeistern.


