Wie heizt Deutschland 2047? Ein fiktiver Rückblick
Wir schreiben das Jahr 2047, das Jahr, in dem Deutschland das Netto-Null-Ziel erreichen wollte, liegt schon zwei Jahre zurück. Wie sieht es nun aus nach gut zwanzig Jahren Energiewende? Wie wird im Jahr 2047 geheizt? Ist das Ziel erreicht? Spannende Fragen. Das Fazit vorweg: Gar nicht so schlecht!
Wie war die Ausgangslage?
Um bewerten zu können, muss man zunächst die Ausgangslage betrachten, wobei in diesem Beitrag im Wesentlichen der Gebäudesektor betrachtet wird. Im Prinzip dominierten im Jahr 2022 Gas- und Ölheizungen die Gebäudelandschaft in Deutschland (Abbildung Seite 69). Jahrzehntelang wurde es seitens der Politik versäumt, die richtigen Weichen hin zu mehr Klimaschutz und einem nachhaltigen Umgang mit den uns zur Verfügung stehenden Ressourcen zu stellen. Ehrlicherweise hatten bei der Gestaltung des politischen Kurses auch Verbände einen Anteil.
Die im Jahr 2021 neu gewählte Bundesregierung, die erste Ampelkoalition, vollführte im Laufe des Jahres 2022 und danach schließlich eine Bild: GettyImages | NAPA74 180-Grad-Kehrtwende, wie sie radikaler kaum hätte sein können: Weg von fossilen Energieträgern, hin zu erneuerbaren Energien. Das Tempo, das dabei vorgelegt wurde, war nicht nur ambitioniert, sondern haarsträubend. Quasi über Nacht sollte das komplette Wärmeerzeugungssystem auf erneuerbare Energien, weitestgehend auf Strom, umgestellt werden. Die Wärmepumpe wurde zur Wunderwaffe erklärt, neben der alle anderen Heizformen keinen Platz mehr haben sollten.
Eigentlich klar, dass das nicht funktionieren konnte, denn weder basierte die damalige Stromproduktion auf erneuerbaren Energien, noch war das Stromleitungsnetz auf allen Ebenen dafür ausgelegt. Die Bedingungen waren gar nicht dafür geschaffen, „plötzlich“ stark fluktuierende Strommengen aus Wind- und Photovoltaik-Anlagen aufnehmen zu können, ganz zu schweigen davon, dass eine EE-Stromerzeugung in der benötigten Größenordnung vorhanden war. Hinzukam eine Gesetzgebung, die eher den Ausbau von Erneuerbarer Energie behinderte als förderte. Bürokratismus erschwerte es allen Willigen, deutlich voranzukommen. Die angeführten Sachzwänge stellen nur einen kleinen Teil der Probleme dar, mit der die damalige Bundesregierung, allen voran das Ministerium für Wirtschaft und Klimaschutz, zu kämpfen hatte. Jedoch ließ man sich nicht abbringen und legte los.
Der Umbau des Gebäudesektors hin zu erneuerbaren Energien
In einer bis dahin nie dagewesenen Geschwindigkeit wurde die bisherige „heile“ Welt des Gebäudesektors auf den Kopf gestellt. Quasi über Nacht waren Öl- und Gasheizungen „out“ und Wärmeerzeuger auf Basis erneuerbarer Energien „in“.
So fristete die Wärmepumpe bis dahin ein Nischendasein, ja, lag regelrecht im Dornröschenschlaf. In gut 30 Jahren zuvor, wurden bundesweit gerade einmal rund 1,2 Millionen Wärmepumpen installiert, im Jahr 2021 waren es eben mal 154.000 Wärmepumpen (Abbildung Seite 70). Die damalige Zielvorgabe der neuen Bundesregierung, bereits ab dem Jahr 2024 mindestens 500.000 Wärmepumpen pro Jahr zu installieren, stellte Industrie und installierendes Handwerk vor eine Herkulesaufgabe. Seitens der Industrie mussten Materialwege neu eingerichtet und Produktionskapazitäten ausgeweitet oder gar neu aufgebaut werden. Seitens des Handwerks musste man beispielsweise massiv die entsprechenden Weiterbildungen forcieren, die bestehenden Ausbildungsverordnungen anpassen, sprich deren Schwerpunkte neu definieren.
Nichts davon war einfach und von heute auf morgen machbar. Aber, es gelang deutlich besser, als viele erwartet hatten. Innerhalb von nur drei Jahren wurden aus 154.000 Wärmepumpen pro Jahr annähernd 500.000. Dabei blieb es nicht, durfte ja aber auch nicht. Denn, die zweite Zielvorgabe, nämlich bis zum Jahr 2030 mindestens sechs Millionen Wärmepumpen zu installieren, wäre mit „allein“ 500.000 Wärmepumpen pro Jahr ab 2024 nicht zu schaffen gewesen. Letztlich hat es für die sechs Millionen bis 2030 nicht ganz gereicht, aber die Marke von weit über fünf Millionen Wärmepumpen lässt sich durchaus sehen. Und entscheidend war schließlich der Weg, nicht die Punktlandung.
Verpasste Chance: Politik hat Handwerksexpertise zu oft ignoriert
Ohne die gute Zusammenarbeit zwischen Industrie und Handwerk wäre dies nicht möglich gewesen. Und ohne den Willen des Handwerks, sich auf Neues einzulassen und massiv in Aus-, Fort- und Weiterbildung zu investieren, hätten weder die Produktionskapazitäten der Industrie noch die Zielvorgaben der Politik geholfen. Wieder einmal hat sich gezeigt, dass das Handwerk ein verlässlicher Leistungsträger der Gesellschaft ist.
Beheizungsstruktur des Wohnungsbestandes in Deutschland 2021
Anteil der genutzten Energieträger in %
Zugegeben, die politischen Entscheider räumten auf Bundesebene wirklich mit dem Bisherigen auf insoweit dies eben möglich war. Man war sogar bereit, Fehler zu machen, diese zuzugeben und zu korrigieren, was leider von vielen nicht honoriert wurde. Insofern war es wirklich erfrischend und für die betroffenen Kreise mehr als eine Herausforderung, diesen neuen richtigen Weg in Sachen Klimaund Ressourcenschutz und Effizienzsteigerung mitzugehen. Zwar wurde das Handwerk von der Politik gemeinhin als der wichtigste Akteur zum Gelingen der Wärmewende dargestellt, in der politischen Beachtung hat sich dies jedoch häufig als Lippenbekenntnis herauskristallisiert.
Zum einen wurde nicht gehört, wenn die erfahrenen Praktiker darauf hingewiesen haben, dass etwas in der geplanten Weise nicht funktioniert, zum anderen wurde das Handwerk schon gar nicht in ausreichendem Maß in Entscheidungsprozesse eingebunden. Ein immer wiederkehrender Fauxpas, der der Energiewende oft unnötig Tempo genommen hat.
Vielleicht wurden die mahnenden Worte des Handwerks fehlinterpretiert – als Zeichen des Widerstands gegen neue Wege? Dabei war genau Gegenteiliges beabsichtigt, denn wenn Ziele unerreichbar formuliert werden und damit nicht umsetzbar sind, demotiviert dies alle Beteiligten und verhindert ein schnelles Vorankommen in der eigentlichen Sache. Manchmal ist es eben besser, man macht einen Schritt nach dem anderen, statt voranzupreschen und Hindernisse blind zu ignorieren. Diese verschwinden nicht einfach, nur weil man sie nicht sehen will. Insoweit stellt die Stimme des Handwerks eine Stimme der Vernunft dar, und zwar zum Wohle der Sache und der Ziele, und nicht als deren Verhinderer!
Der kurze Ausflug in die politische Wahrnehmung aus Sicht eines Handwerkvertreters sei an dieser Stelle verziehen, aber er war nötig, da der Autor sich seit Jahrzehnten mit dem Ausbau erneuerbarer Energien sowie der Effizienzsteigerung auseinandersetzt und derlei schmerzliche Erfahrungen machen musste.
Wärmenetze und erneuerbare Energieträger
Neben dem Ausbau der Wärmepumpe gab es noch weitere entscheidende Veränderungen, ja, gar „einschneidende“ im Bereich der Wärmeerzeugung von Gebäuden.
Wärmenetze spielen heute in den Kernen der Städte eine entscheidende Rolle. Insoweit musste sich das Heizungsbauerhandwerk massiv umstellen, vor allem jene Betriebe, die bis Mitte der Zwanzigerjahre ihr Hauptgeschäft dort vor allem mit Gasheizungen gemacht haben.
Leider ist es gekommen, wie es kommen musste. Weitestgehend hat der Gesetzgeber auf Anschlussund Benutzungszwänge gesetzt, einfach aus dem Glauben heraus, man kann die Bürgerinnen und Bürger dazu zwingen, das zu tun, was man politisch gerne möchte. Letztendlich erfolgte ein wirtschaftlicher Verdrängungsprozess, der zumindest am Anfang primär nichts mit Klimaschutz zu tun hatte.
Gut, stellenweise war der Klimaschutz ein willkommener Nebeneffekt, aber dass noch in den Zwanzigerjahren Wärmenetze ohne einen Anteil erneuerbarer Energien überhaupt gebaut werden durften, nur weil der Netzbetreiber einen sogenannten Transformationsplan vorlegte, ist aus heutiger Sicht wirklich nicht nachvollziehbar. Und ja, das mit der Transformation der fossil betriebenen Wärmenetze hat auch nicht ganz so wie seitens der Politik vorgesehen funktioniert. Das hat zur Folge, dass noch heute Netze mit fossilen Energieträgern betrieben werden. Ja, Sie haben richtig gelesen! Das Gasnetz ist nicht tot, trotz entsprechender Aussagen namhafter Personen aus dem damaligen Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz.
Zwar kam es Mitte der dreißiger Jahre zu einem starken Rückbau, an dem die deutliche Steigerung von grünen Gasen auch nichts ändern konnte. Und auch der massive Auf- und Ausbau einer Wasserstoffinfrastruktur sowie eines inzwischen etablierten Weltmarktes für grünen Wasserstoff konnte einfach nicht die Mengen umfassend bedienen, die in den Sektoren Industrie, Verkehr und Gebäude benötigt wurden. Und da die beiden erstgenannten Sektoren viel schwieriger bis gar nicht elektrifiziert werden konnten, floss logischerweise der größte Teil des erzeugten grünen Wasserstoffs in diese.
Lobend muss erwähnt werden, dass an einer Technologie- und Energieträger-offenen Politik über all die Jahre festgehalten wurde. So spielen insbesondere in ländlichen Regionen grüne gasförmige und flüssige, nicht zu vergessen auch feste Energieträger nach wie vor eine wichtige, wenn auch kleine Rolle bei der Erzeugung von Wärme für Heizung und warmes Wasser.
Effizienz von Wärmeerzeugungsanlagen
Ein weiterer Schlüssel zum Ausbau der erneuerbaren Energien stellte und stellt eine deutliche Effizienzsteigerung in der Wärmeerzeugung dar. Klar, ohne eine Bedarfsminimierung auf der Gebäudeseite geht es bis heute nicht. Soll heißen: Der Gebäudebestand muss auch heute noch weiterhin massiv in seinem Bedarf minimiert werden. Gleichzeitig müssen Heizungsanlagen deutlich effizienter mit den eingesetzten Energien umgehen. „Optimierung und hydraulischer Abgleich“ waren die damaligen Zauberworte. Eigentlich schon damals nichts Neues für Planer und Handwerk – eigentlich!
Aber, wie sah es in der Realität aus? Mittels der Förderpolitik in den Jahren zwischen 2000 und 2020 wurde ein sehr vereinfachtes und pauschaliertes Nachweisverfahren für den hydraulischen Abgleich eingeführt, das Planer wie Handwerk sehr gerne angewendet haben. Einfach und schnell war die Prämisse. Eine detaillierte Planung, also zum Beispiel die Erfassung der Gebäudehülle und des Rohrnetzes, waren viel zu zeitaufwändig, so die landläufige Meinung.
Jedoch ohne eine deutliche Effizienzsteigerung bei Heizungsanlagen war der Ausbau der erneuerbaren Energien nicht machbar und nicht bezahlbar. Insoweit musste die Sanierung der Gebäudehülle Hand in Hand gehen mit der Absenkung der Systemtemperaturen im Heizungsbereich sowie der bedarfsgerechten Verteilung und Übergabe von Wärme in den Gebäuden. Das setzte eine deutlich umfassendere Planungsleistung voraus als diese bis dato üblich war.
Neben dem Thema Wärmepumpe war die Optimierung von bestehenden Heizungsanlagen die große Herausforderung der Zwanziger- und Dreißigerjahre. Um dieser Herausforderung zu begegnen, wurden die bereits zu Anfang der Zwanzigerjahre bestehenden Schulungskonzepte unter anderem seitens des Handwerks und der Handwerksorganisationen massiv ausgebaut. Der Fachverband SHK Baden-Württemberg nahm dabei eine führende Rolle ein. Bis heute stellen diese Themen in der handwerklichen Aus- und Weiterbildung den Kern dar. Denn, Änderungen in der Technik von beispielsweise Wärmepumpen sowie neue Möglichkeiten bei Optimierungen und dem hydraulischen Abgleich haben kontinuierliches Lernen zu einer der Hauptaufgaben eines Handwerkers gemacht. Dies wird sich auch zukünftig nicht ändern.
Hat es funktioniert? Ein klares „Jein“. Hierbei muss man berücksichtigen, dass die Politik teils die Rechnung ohne den Wirt gemacht hat. Vielfach scheiterte es daran, dass die Hausbesitzer nicht bereit waren für eine derartige Dienstleistung zu bezahlen. Eine politische Informationskampagne, um das Thema den Bürgerinnen und Bürgern nahe zu bringen, fehlt bis heute. Ein weiterer Grund: Aus-, Fort- und Weiterbildung kostet einfach Zeit. Mal eben schnell Ausbildungsinhalte zu (ver)ändern, implementiert noch lange nicht, dass die dafür verantwortlichen Ausbildungsstätten auch gleichzeitig das notwendige Lehrpersonal sowie Werkstätten mit den erforderlichen Einrichtungen zur Verfügung haben. Eine jahrzehntewährende und -geförderte Arbeitsweise lässt sich nun mal nicht „geschwind“ ändern. Es brauchte einfach Zeit, all dies zu organisieren und zu etablieren.
Grundsätzlich sind wir auf dem richtigen Weg. Aber, wie heißt es so schön: „Der Weg ist das Ziel.“ War der Druck der Politik auf das Handwerk vom Grundsatz her richtig? Ein klares Ja! Über das „Wie“ müssen wir uns aber nach wie vor unterhalten. Dazu war und ist das Handwerk immer bereit.
Fazit und Ausblick
Rückblickend bleibt festzuhalten, dass der in den Zwanzigerjahren eingeschlagene Weg hin zu mehr Klimaschutz und zum massiven Ausbau der erneuerbaren Energie der richtige Weg war. Trotz aller Widerstände, auch aus den eigenen Reihen, sind Themen wie Wärmepumpe oder die Optimierung von bestehenden Heizungsanlagen heute nichts Exotisches mehr, sondern gelebter Alltag in jedem Handwerksbetrieb. Sind noch Aufgaben zu erfüllen? Oh ja, jede Menge, in allen Bereichen. Deshalb sind die (über)ambitionierten Ziele für das Jahr 2045 bis heute nicht vollumfänglich erreicht worden, was jedoch niemanden verwundert, denn bereits in den Zwanzigerjahren wurde dies von unterschiedlichen Seiten prognostiziert. Damals wurde aber auch festgestellt: „Jedes zehntel Grad zählt!“ Darum war es richtig, sich auf den Weg zu machen. Allerdings haben wir – als Deutschland, Europa, ja als Weltgemeinschaft – noch einen weiten Weg zu gehen. Wenn aber jeder Einzelne tut, was er kann, und die Politik die Bürgerinnen und Bürger in der Zielsetzung und Umsetzung nicht überfordert, sondern mitnimmt, dann wird das schon!
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